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| Zwischenbilanz |
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In vielen Jahresberichten haben wir über viele Konvois berichtet, Hilfsmaßnahmen, die, das gebe ich gerne zu, auch ein wenig den Charakter des Abenteuers in sich trugen: Man bachte nicht nur Hilfsgüter in die Ukraine; man war auch lange unterwegs und erlebte auf der Reise viel. Und zu Hause gab es dann etwas zu erzählen. Deshalb wollten immer viele mit bei diesen Konvois. Und das ist/war auch ganz legitim, finde ich. Das soll aber nicht Thema dieses Berichtes sein. Hier soll vielmehr in einer Art "Zwischenbilanz" versucht werden, all das, was wir gemacht haben, mehr aus der Distanz zu sehen. Wie oft wir in der Ukraine, genauer, in Borispol, gewesen sind? Ich weiß es gar nicht mehr genau. Aber es waren viele Reisen, jede war anders, jede hatte einen besonderen Höhepunkt, jede dieser Reisen hat "etwas mit uns gemacht", etwas, dessen wir uns gar nicht sofort bewusst wurden, das erst lange nach dem Ereignis aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche stieg. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, ich denke aber, die Empfindungen sind ähnlich: Der Zweck jeder Reise war, etwas zu tun, anderen Menschen Hilfe zu bringen. Das geschah, und dann stellten wir aber fest, dass wir nicht nur "gebracht" hatten, sondern selbst auch beschenkt zurückkehrten. Oder anders ausgedrückt: Wir haben nicht nur "gegeben", sondern auch "mitgenommen", weil, und das ist das Eigenartige und Schöne, der Schenkende immer selbst reich beschenkt aus dem Akt des Schenkens hervorgeht. ZU kompliziert? Eigentlich nicht, denke ich; es erschließt sich schon, wenn man den Satz zum zweiten mal liest. Aber dieses "Intermezzo" hier, diese Zwischenbilanz, will auch noch auf etwas ganz anderes hinweisen. Es gibt da nämlich noch einen Aspekt, der immer ein wenig zu kurz gekommen ist, nein, nicht schlimm, aber man muss darüber reden. Bisher war immer nur von "Erlebnissen" die Rede; nun wollen wir uns den "Ergebnissen" zuwenden, davon reden und berichten. Was sind "Ergebnisse" einer humanitären Hilfeleistung? Ganz einfach, sagen viele, man bringt, was andere dringend brauchen, hilft ihnen damit aus einer momentanen Notsituation. Wer Hunger hat, braucht etwas zu essen, wenn man durstig ist, muss man trinken, und wer halbnackt durch die Gegend läuft, ist mit einem brauchbaren Kleidungsstück gut bedient. Für all das haben wir gesorgt, und das war gut und richtig so. Nur: Die Nahrungsmittel reichen nicht ewig, der Durst kommt schneller wieder, als einem lieb ist, und die Klamotten sind irgendwann auch wieder zerrissen und unbrauchbar. Und dann? Neue Lebensmittel, neue Kleidung? Immer wieder? Bis in alle Ewigkeit? Man schenkt, habe ich gesagt, und dabei kommt immer auch an den Schenkenden etwas zurück - aber ist das, was man schenkt, auch von "nachhaltiger" Bedeutung? Will sagen: Wird das, was man jahrelang anderen Menschen bringt, dort restlos verbraucht, oder bleibt etwas davon zurück, nei, nicht nur Spuren, sondern etwas, auf dem die Beschenkten mit eigenen Initiativen aufbauen können? Selbstverständlich ist diese Frage in unserem Arbeitskreis "Leben nach Tschernobyl" über Jahre hinweg diskutiert worden. Sie ist immer noch ein beherrschendes Thema bei fast allen Zusammenkünften. Und das muß auch so sein, denn wenn man die eigene Arbeit nicht ständig hinterfragt, verliert sie einen Großteil ihres Sinns. "Immer nur bringen, auch wenn da etwas zurückkommt, okay, aber allmählich müssen die doch auch auf eigenen Füßen stehen", ist eine Meinung, die man im Arbeitskreis häufig zu hören bekommt. Und ich denke, man sollte für diese Ansicht Verständnis aufbringen. "So viele Jahre fremde Hilfe, da sollte man doch annehmen, dass die jetzt auch mal was Eigenes aufbauen können." Mehr scherzhaft, doch mit einem gewissen Unterton wurden dann die Enten im Bad Nauheimer Kurpark-Teich ins Spiel gebracht, die draußen auf dem Wasser herumschwimmen, aber immer ans Ufer kommen, wenn sich dort jemand zeigt. Wissen sie doch, dass es jetzt wahrscheinlich etwas zu kauen gibt. Die Menschen in der Ukraine, sagen einige, gleichen diesen Enten. Sie machen nichts oder nicht viel; sie werden aber aktiv und kommen herbei, wenn ein Hilfskonvoi mit humanitärer Hilfe zu erwarten ist. Meinungen, die man nicht einfach abtun, die man ernstnehmen muß, wenn man über weitergehende humanitäre Hilfsmaßnahmen nachdenkt. Ist denn das wirklich so? Dass "die da drüben in der Ukraine" gar nichts machen? Dass es keinerlei Veränderungen gibt? Das wollen wir jetzt genauer wissen, und deshalb schauen wir mal, was sich zum Beispiel in Borispol in den letzten Jahren so alles verändert hat, denn: Es tut sich was in Borispol! Reinhard Knauf |
