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| Es tut sich was in Borispol |
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Ja, das stimmt wohl! Zwar blickt der vor dem Rathaus stehende und jedes Jahr neu mit Goldfarbe angestrichene Genosse Lenin immer noch starr nach Norden, aber auch er kann nicht übersehen, dass sich rings um ihn in der Hauptstraße von Borispol pulsierendes Leben breitmacht. Von dem Stadtbild, das wir vor fast zwanzig Jahren vorfanden, als wir zum ersten Mal hier waren, ist nicht mehr viel übrig. Läden gab es damals kaum oder gar nicht, das Straßenbild wurde von Grautönen dominiert, die einzigen Farbtupfer setzten alte Frauen mit ihren bunten Kopftüchern, die an den Straßenecken ihr kümmerliches Angebot zum Verkauf ausbreiteten - ein paar schrumpelige Äpfel, Tomaten, eine Kanne mit saurer Sahne ... das war's. Die alten Frauen sind zwar immer noch da, aber nur noch als Randerscheinung, sozusagen als folkloristische Beigabe, etwas, das einem ins Gedächtnis springt, wenn man "Ukraine" denkt. Jetzt macht jeden Tag ein neuer Laden auf, das Angebot ist reichlich, Unterhaltungselektronik wird auf hohem Niveau angeboten. Die Supermärkte mit ihren Selbstbedienungsmöglichkeiten, mit ihren Käse- und Fleischtheken sind weit entfernt von Traditionen östlicher Basare. Die Menschen, vor allem die jungen Leute, sind westlich gekleidet, die jungen Frauen haben keine Mühe, in puncto Aussehen und Schick mit ihren westlichen Vorbildern zu konkurrieren. Es gibt - scheint's - andauernd neue Restaurants und Kneipen ... und alle sind gut besucht. Nur seinen Platz darf man sich nicht selber aussuchen; der wird immer noch zugewiesen, das ist wie früher. Wohlstand - und der Blick hinter die Fassaden Pulsierendes Leben in Borispol also, westlich gekleidete Menschen, Läden, in denen es alles zu kaufen gibt, Banken, Kioske, Restaurants, die wie Pilze aus dem Boden schießen - und dann humanitäre Hilfe! Ist das nicht ein Widerspruch? Ja, alter Lenin hinter mir auf deinem Sockel. Nun sag' mal: Ist das ein Widerspruch? Nein, sagt er, denn wenn man hinter viele Fassaden blickt, sieht man andere Bilder. Da gibt es große Not, viel Elend, das der real-existierende Sozialismus leider nicht beseitigen konnte und welches die kapitalistische Gesellschaft nun in rasantem Tempo verstärkt. Alte Menschen beispielsweise, die mit ihrer ganz kleinen Rente kaum überleben können, sind die eindeutigen Verlierer des Aufschwungs, der vollkommen an ihnen vorbeigeht. Für sie ist wenig oder gar kein Platz in dieser erbarmungslosen Ellenbogen-Gesellschaft. Sie werden, nein, sie sind schon an den Rand gedrängt worden, und wenn andere ihnen nicht helfen ...Es gibt viele Kranke, die ihre Medikamente nicht bezahlen können, obwohl die gesundheitliche Versorgung eigentlich kostenfrei sein soll. Aber das steht nur auf dem Papier. Pech gehabt! Die Kinder ... Es gibt Tausende, für die von den Brosamen vom Tisch der Reichen aus dem Westen nichts abfällt. Allein in Kiew sollen etwa 30 000 Kinder zwischen sechs und fünfzehn Jahren auf der Straße leben. Man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Noch einmal: alte Menschen. Ich habe in keiner europäischen Millionenstadt so viele alte Leute betteln sehen wie in Kiew. Sie und die streunenden Kinder bilden einen scharfen Kontrast zu den anderen, gut Gekleideten, die im dicken Auto über den Kreschtschatik (Prachtstraße in Kiew - Anm. d. Verf.) fahren, halten, eine Tüte Gebäck kaufen, ein Stück essen, den Rest wegwerfen und dann amüsiert zusehen, wie sich zerlumpte alte Frauen um die Reste streiten. Eindrücke, die sich unauslöschlich einprägen! AIDS ist ein riesiges Problem in der Ukraine. Nirgendwo in Europa ist die Zuwachsrate so hoch wie hier. Die Offiziellen scheinen das zwar zur Kenntnis zu nehmen, aber es berührt sie nicht eigentlich. Wieso auch? Prostitution ist verboten, also gibt es auch keine. Sagt man! Wie soll man sich da infizieren? Drogen-Abhängige? Na ja, die paar. Die fallen doch gar nicht ins Gewicht. Oder sehen Sie hier irgendwo welche? Ja, ich sehe sie, überall. Dort drüben zum Beispiel - da bietet ein blutjunges Mädchen seine Dienste an, und der Milizionär direkt daneben hält die Hand auf. Wenn er bezahlt wird, sagt er nichts. Wie bei uns! Der ganze Wohlstand, den der Genosse Lenin von seinem Sockel vor dem Borispoler Rathaus überblicken kann, die Hektik des soeben erwachten Geschäftslebens ... alles nur Fassade? Sicherlich nicht, nein, vieles davon wird echt sein und einen allmählichen kontinuierlichen Aufschwung, eine sichtbare Verbesserung verheißen. Aber die Gesellschaft hier ist deutlich gespalten in einen kleinen Teil, der sehr viel besitzt und das auch deutlich zur Schau stellt, und in einen sehr großen Teil, der gar nichts hat. Dazwischen beginnt sich so etwas wie ein "Mittelstand" zu entwickeln, aber das ist noch ein zartes Pflänzchen, man muss es sorgsam begießen und vor rauhen Winden schützen, damit es wachsen kann. Humanitäre Hilfe - wie lange noch? Wenn man zwanzig Jahre lang immer wieder in ein fernes Land reist, um mit humanitärer Hilfe den Menschen dort unter die Arme zu greifen, erwartet man nach so langer Zeit Ergebnisse. Vor allem dann, wenn man weiß, dass viele andere das gleiche tun. Sehen wir Ergebnisse? Gewiß! Wer das leugnen wollte, macht wohl ganz bewußt die Augen zu. Es ist wenig, was da sichtbar wird, aber es ist da, keine Frage. Und wenn's die Betten in der Klinik oder die Waschmaschine im Altenheim, die Ausrüstung in der Nähstube oder die warme Mahlzeit aus der Suppenküche ist. Nicht viel vielleicht, gemessen am Einsatz über die lange Zeit hinweg ... aber: Wenn man nach so langer Zeit erst jetzt ein paar Ergebnisse sieht, ist das ein Beleg dafür, wie groß die Not war - und immer noch ist. Wir waren einmal mit dem Bürgermeister von Borispol zusammen, und im Gespräch mit ihm gab es einige bemerkenswerte Sätze: "Wir sind vor Jahren davon ausgegangen, dass die humanitäre Hilfe für die Opfer (der Katastrophe von Tschernobyl) vier, fünf Jahre andauern sollte und dann erledigt wäre. Heute wissen wir, dass wir durch die ungeheuren Folgekosten, die wir allein nicht tragen können, für bestimmte gesellschaftliche Gruppen in unserem Lande noch sehr lange auf humanitäre Hilfe aus dem Westen angewiesen sein werden." Das wollen wir dann auch tun. Und wenn es noch einmal zwanzig Jahre dauern sollte! Reinhard Knauf |
