Fukushima
25 Jahre Tschernobyl - jetzt Fukushima Drucken
Austeigen für immer!

Fukushima am Anfang, weil das noch nahe ist: Es verfestigt sich der Eindruck, dass die sparsamen Informationen oder sogar Lügen, die von dort nach draußen dringen, nichts mehr mit der japanischen Eigenart, auf alle Fälle das Gesicht zu wahren, zu tun haben. Reaktor-Experten aus der ganzen Welt sagen inzwischen, dass niemand wissen kann, was genau dort vorgeht. Denn es gibt nun mal keine Messinstrumente oder Kameras, die im Inneren eines Reaktors, der sich verflüssigt, noch funktionieren und genaue Daten übermitteln. Wir haben uns, wie der Philosoph Günther Anders schon vor vielen Jahren bemerkte, eine Technologie geschaffen, bei der wir nur noch aus der Ferne zusehen können, wie sie außer Kontrolle gerät. Wenn sich ein Atomkraftwerk in dem Zustand befindet, wie Fukushima jetzt, müssen wir konstatieren, dass ein Dämon entstanden ist, dem man sich nur unter der Gefahr des eigenen Untergangs nähern kann. Wahrscheinlich wissen das die Betreiber dieser Kraftwerke und die Befürworter dieser Technologie ganz genau, aber selbst unter dem Eindruck von Fukushima und Tschernobyl (dort sterben immer noch Menschen an den Folgen der Verstrahlung!) kann und will man das nicht zugeben, weil „hier nichts passieren kann, alles sicher ist“... und weil natürlich mit dieser Technologie klotzig verdient wird. Und so ist keine Schlagzeile knallig genug, um zu dokumentieren, wie sehr man hierzulande alles im Griff hat: heute nach Fukushima und damals nach Tschernobyl.

Blättern in alten Zeitungen

Wir haben in 25 Jahre alten Zeitungen geblättert und nachgesehen, was damals den Menschen vorgesetzt wurde, um sie in Sicherheit zu wiegen. Die Schlagzeilen könnten von Anfang April 2011 stammen, so sehr ähneln sie denen nach Fukushima. „In und um Gießen keine Gefahr nach Reaktor-Unfall“... Gießener Anzeiger 3.5.1986. „Strahlenbelastung ging auf unbedenkliche Werte zurück“ und „Bonn sieht keine Notwendigkeit für weitere Vorsorge-Maßnahmen“... Gießener Anzeiger 6.5.1986. „Prof. Scharmann: Keine akute Gesundheitsgefahr“… Gießener Anz. 2.5.1986.
„Streit um Grenzwerte und neue Vorsichtsmaßnahmen – Strahlenbelastung normalisiert“...Gießener Anzeiger 12.5.1986. „Gießener CDU: Biblis ist nicht Tschernobyl“ ...Gießener Anzeiger 15.5.1986. „Koalition denkt nicht an Ausstieg aus der Kernkraft“...Gießener Anzeiger 15.5.1986. Nur eine Bemerkung am Rande, die ganz aktuell die Strahlengefahr hier bei uns mitten in Europa illustriert: Im vergangen Jahr zahlte die Bundesregierung einige hunderttausend Euro als Schadensersatz an Jäger, die ihr in Bayern geschossenes Wild wegen der hohen Strahlenbelastung an den Märkten nicht absetzen konnten.

Etappen der Erkenntnis

Vor über zwanzig Jahren, unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl, wurde unser Arbeitskreis gegründet. Damals haben wir zum selben Thema wie heute einen Text geschrieben, aus dem ich noch ein paar Sätze, abgeändert und auf die heutige Situation bezogen, zitieren will: "Seit die Bilder verstrahlter Menschen, die seit Jahren auf atomaren Müllplätzen wie Nowaja Semlja wohnen müssen, um die Welt gingen, vor allem aber seit Tschernobyl, dessen Auswirkungen wir in der dortigen Sperrzone mit eigenen Augen gesehen haben, wussten wir von den „Lebens“gefahren, die von Atomkraftwerken und Atomanlagen ausgehen. Das war alles bekannt, hat aber – außer bei wenigen – nichts ausgelöst. Selbst Tschernobyl hat nur ein kurzes Innehalten bewirkt, und man tröstete sich schnell damit, dass das erstens weit weg sei und zweitens bei uns nicht passieren könne, weil unsere Anlagen „tot“sicher seien. Jetzt kam die Katastrophe von Fukushima, und die Welt sieht wieder einmal anders aus. Wie lange aber? Unser Wissen über die tödlichen Gefahren, darüber müssen wir uns im Klaren sein, sagt Gewichtiges über die Schuldfrage aus. Denn die betrifft nicht nur die, die für Bau und Betrieb von Atomkraftwerden zuständig sind. Weil wir wissen, was ein Atomkraftwerk bedeutet, sind wir nicht mehr im Zustand der Unschuld, denn wie unschuldig bis heute einer gewesen sein mag; nun wird er schuldig – mitschuldig!, wenn er denen, die nicht sehen, die Augen nicht öffnet, und denen, die noch hören, die Ohren nicht voll schreit. Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima! Es sind die Etappen der Erkenntnis. Abschalten! Sofort! Und für immer!

Christel Rohm / Reinhard Knauf